Klöpferla und Reiterle – Rothenburger Tradition rund um den historischen Weihnachtsmarkt

Der Alt-Rothenburger Reiterlesmarkt atmet Tradition in jedem Winkel. Vom Marktplatz über den Grünen Markt bis hin zum Kirchplatz macht allein der historische Standort den Besuch bei Glühwein und leckeren Bratwürsten zum besonderen Erlebnis. Belege einer Messe am Rothenburger Marktplatz reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Wurde einst das Rothenburger Umland bis weit ins Hohenlohische hinein in die Tauberstadt gezogen, so trifft sich heute hier neben den Rothenburgern die ganze Welt zur vorweihnachtlichen Besinnlichkeit.

Die Nikolausmesse in Rothenburg

Das Rothenburger Reiterle auf dem Titel des Programms in den 50er Jahren.
Das Rothenburger Reiterle auf dem Titel des Programms in den 50er Jahren.

Erste Belege für einen Markt zur Weihnachtszeit finden sich in der Stadtchronik von Sebastian Dehner aus dem 17. Jahrhundert. Dieser Jahrmarkt begann im 17. Jahrhundert am Nikolaustag (6. Dezember) und endete am 20. Dezember. Auf dem Marktplatz und im oberen Teil der Herrngasse standen die Händler und boten ihre Waren feil. Neben den Verkäufern waren „Schausteller, Possenreißer und Zauberkünstler“ angereist. Auch fahrende Ärzte sorgten für die Unterhaltung der Stadt- und Landbevölkerung und verkauften vor Ort ihre Heilmittel. Erst der Anbruch des Dreißigjährigen Krieges unterbrach die Tradition von 1618 bis 1648. Zur so genannten Nikolausmesse kamen Händler rund um den Marktplatz und in der Herrngasse von Rothenburg zusammen. Oder wie es bei Dehner heißt: „In wehrender Meßzeit haben sich die Burger weiln sie in 33 Jaren kein Meß gehabt, recht frölich erzeigt, mit Spielleuthen fast in alle Gassen den Tag und die Nacht mit Geigen, mit Schalmeyen, Leyren gaffeten gangen, gejuchzt und geschrien, einander zu Gast geladen, gefressen und gesuffen, daß dergleichen noch nie seit 33 Jahren geschehen.“

Zum Nachhören: der Podcast zum Reiterlesmarkt:

 

Ablauf der Advents- und Weihnachtsmess 1651

Aus Dehners Aufzeichnungen wissen wir: Am Samstag, 29. November 1651, wurde die Messe durch die Rathausglocken eingeläutet. Am 4. Dezember, dem Barbaratag, verloste man die Stände und die Plätze an die Krämer, danach fing man alsbald mit dem Aufbau der Buden an. Die eigentliche Messe startete am 6. Dezember. Spielleute zogen bis zum 20. Dezember durch die Stadt, „spielten auf den Straßen und Plätzen und fanden allenthalben Tanzlustige“. Nach Sonnenuntergang beleuchteten Pechkränze an den Häusern die Gassen und es fanden sich „ausgelassene Menschen, die bis in die Nacht tanzten, schrien, jauchzten und zechten“.

Darstellung des Reiterlesmarktes aus dem Stadtarchiv Rothenburg
Darstellung des Reiterlesmarktes aus dem Stadtarchiv Rothenburg

Role-Model für das Reiterle: die Modeln

Der Rothenburger Weihnachtsmarkt nennt sich seit 1957 offiziell nach dem Reiterle. Doch bereits zuvor begleitete die Figur mit dem roten Mantel und dem schwarzen Hut auf dem Ross die Geschicke des Marktes. Entliehen wurde die symbolträchtige Figur aus den Modeln der Rothenburger Bäcker. Die Reiterlefigur ist in diesen Modeln über Jahrhunderte belegt. Und diese entlehnten die Vorlage eines mythischen Reiters aus der germanischen Glaubenswelt.

Lust auf Glühwein zwischendurch? Hier geht es zu einem Rezept:

Felicitas Höptner, Volkskundlerin am Deutschen Weihnachtsmuseum in Rothenburg, erklärt den Zusammenhang in ihrem Aufsatz „Das Rothenburger Reiterle – eine volkskundlich unterlegte, fantasievolle Spurensuche“ so: „Das Rothenburger Reiterle ist ein Nachfahre des altgermanischen Wodan (auch: Odin) und hat gewissermaßen das Familienerbe übernommen. Wodan war im alten Glauben einer der Sturmdämonen und Führer der „Wilden Jagd“, jenen Geistern, die unbestechlich Schlechtes bestrafen und den Toten die Seelen nehmen. Er galt aber gleichzeitig als Wissender der Heilkunde mit der Fähigkeit, dem notleidenden Leben Hilfe zu bringen. … Wenn das Reiterle aber auf ehrliches und gottesfürchtiges Leben traf, so gab er den Armen Brot und Tuch, den Kranken Heilkräuter und Lebenskraft. Soweit die Sagenbildung. Tatsächlich mussten früher insbesondere im Winter viel häufiger alte und kranke Menschen sterben auf Grund einer schlechteren hygienischen Situation, den noch nicht so weit fortgeschrittenen medizinischen Erkenntnissen und den allgemein härteren Lebensbedingungen. Die Menschen hatten somit in der dunkelsten Zeit des Jahres besondere Angst und übertrugen diese auf dafür verantwortliche Geisterwesen, wie z.B. den reitenden Wodan, der zugleich gefürchtet und geliebt wurde. Natürlich ist Wodan und seine Gesellen nicht nur in Rothenburg Teil der alten Erzählungen und ihr Erscheinen ist in Deutschlands Sagenwelt vielerorts überliefert. Da aber der Franke grundsätzlich eigen und pfiffig ist dachten sich die Altvorderen, dass es nicht unklug wäre, sich der Gewogenheit dieses Wesens zu versichern und statt dem Christkind den Dezembermarkt ihm zu widmen.“

Das Reiterle in Rothenburg ob der Tauber
Das Reiterle eröffnet heute in Rothenburg ob der Tauber den Markt. Foto: Neuhold

Eine Adventstradition aus früheren Jahrhunderten: Das Klöpferla

Rund um den Rothenburger Weihnachtsmarkt und die –adventszeit entspannen sich über die Jahrhunderte typische Bräuche und Traditionen. „Klopfa, Klopfa, Hemmerla, es Broad, des leiht im Kemmerla, es Messer leiht derneba, sollst mer a Stückla geba!“ schallte es beim Klöpferla an den Türen der Rothenburger Bürger. Arme Kinder nutzten die Tage in der Adventszeit, um Brot, Äpfel oder Mehl zu erbitten. Verboten wurde dieser Brauch, der aus dem Hohenlohischen nach Rothenburg kam, erst Mitte des 19. Jahrhunderts als das Betteln zu jener Zeit überhandnahm. So heißt es heutzutage wie in vielen Teilen der Welt Ende Oktober zu Halloween: „Süßes oder Saures“ und nicht mehr im Dezember „Klopfa, Klopfa, Hemmerla“ – quasi das amerikanisierte Klöpferla.

„Und früher ging alles besinnlicher zu!“ – Von wegen

Trinkfreudig ging es im 16. Jahrhundert rund um die Nikolausmesse zu. Und zu den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges überschattete gar ein Mord die Adventszeit, als ein Soldat mit geladener Waffe durch die Galgengasse zog und diese sich entlud. Die ob der Gräuel der Zeiten angsterfüllten Bewohner fackelten nicht lang, so schildert es Stadtchronist Dehner, und erschlugen den Söldner auf offener Straße.

Schwerenöter bei der Nikolausmesse: Schlittenfahren mit dem Medicus

Wenig christlich trieb sich auch der Medicus Abraham Winter rund um die Nikolausmesse in Rothenburg im Jahre 1671 als Frauenheld herum. „Hat sich sehr gemein gemacht (weil er eine schöne, junge Person) bey jungen Weibern, ein recht lose Gesell: hat sich mit Schlittenfahren waidlich getummelt und ein ganz 4tel Jahr hie gewesen“, notiert dazu Dehner. Lange schaute sich der Stadtrat Rothenburgs das Treiben des schlittenfahrenden Schwerenöters nicht an und verwies Winter der Stadt. Winter war nicht der einzige Schausteller, der zu Zeiten der Wintermesse die Bevölkerung mit Vorführungen in die Stadt lockte. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg sollten Attraktionen die Menschen zum Treiben am Markt locken.

Der Medicus am Reiterlesmarkt, Darstellung aus dem Stadtarchiv
Der Medicus an der Nikolausmesse in Rothenburg, Darstellung aus dem Stadtarchiv

Von der Modelleisenbahn bis zum Wintermärchen

Der Reiterlesmarkt wie wir ihn heute kennen war stark von den Entwicklungen in den 1970er-Jahren geprägt, als die Gastronomen und „Verkehrsdirektor“ Rudi Hundertschuh ein zeitgemäßes Programm rund um den Markt schufen. Was in den 1950ern mit einer Modelleisenbahn als Attraktion begann, wuchs sich in den 1970ern zum zentral gelegenen Markt mit breitem Unterhaltungsprogramm aus. Sänger- und Bläsergruppen unterhielten die Menschen. Vom Marktplatz ausgehend wurde zunehmen auch der Grüne Markt und der Kirchplatz als Fläche für die Aussteller in das Marktgeschehen integriert. So geht der Markt nun fast nahtlos vom Rathaus, wo das Reiterle als Gemälde thront, bis zur Jakobskirche über, wo Orgelkonzerte und abendliche Sonderführungen einen würdigen kulturellen Kern bilden.

Die Modelleisenbahn zum Reiterlesmarkt 1952
Die Modelleisenbahn zum Reiterlesmarkt 1952 / Stadtarchiv

 

Und die Kirche darf an Weihnachten nicht fehlen: St. Jakob

St. Jakob / Rothenburg im winterlichen Kleid
St. Jakob in Rothenburg im winterlichen Kleid – Pfitzinger

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