Die Staufer in Rothenburg ob der Tauber

Die Staufer in Rothenburg ob der Tauber

Eine Reise in den Burggarten von Rothenburg

Wer schmückt sich denn nicht gern mit prominenten Namen? Staufer-Stele, Barbarossa-Brücke und weitere Hinweise auf das Adels- und Herrschergeschlecht finden sich in Rothenburg ob der Tauber. Einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache hinsichtlich der Brücke zwischen Detwang und der Bronnenmühle aber leider: anders als Brückenname suggeriert, war der berühmte rotbärtige Kaiser des Heiligen Römischen Reichs nie in Rothenburg vor Ort – zumindest ist keine offizielle Visite Barbarossas in Rothenburg belegt. Bei seiner Bedeutung ist es kaum wahrscheinlich, dass dies von den Chronisten unterschlagen wurde. Zu verdanken hat die Stadt ihm und seinem adligen Hause der Staufer in jedem Falle einiges.

Die Staufer kommen 1142 in Rothenburg machtpolitisch an: Konrad III. weiß genau, was er tut, als er Gebiete um den Ort Detwang vom Stift Neumünster in Würzburg eintauscht. Schließlich ist sein Sohn Heinrich hier vor Ort bereits Vogt von Detwang und weiß um die Vorzüge der agrarisch fruchtbaren und  an einer bedeutenden Straße gelegenen, strategisch wichtigen Grenzregion. Die Würzburger bekommen ein für sie günstiger gelegenes Gut in Hopferstadt bei Ochsenfurt. Bis 1150 stellen die neuen Machthaber die Burg fertig, die sich auf einem Hügelsporn über der Tauber gen Südwesten hin erhebt. Heutzutage befindet sich hier der Burggarten (daher erschließt sich der Name). Die Steine kommen aus den Steinbrüchen zwischen Klingentor und Strafturm, man baut mit Muschelkalk. Das sichtbarste Überbleibsel der Burg ist der einstige Palas, die heutige Blasiuskapelle gleich am Eingang des Burggarten. Auch die 2010 im Burggarten errichtete Stauferstele mit Informationen zu den Herrschern ist hier also genau passend verortet. Neben den Grundmauern der Burg ist auch der einstige Eingang noch klar sichtbar. Dieser bildet heute das Untergeschoss des orange gefärbten Gärtnerhäuschens im Burggarten. Wer den Burggarten Richtung Weinberg verlässt und geradeaus  Richtung Westen blickt, sieht das mit Rustika-Quadern halbrund gemauerte  einstige Burgtor gleich hinter einem kleinen Garten, darüber das orangene Gebäude. Hier wurden sogar Räderspuren gefunden, die sich über die Jahrhunderte durch die Fuhrwerke in den Boden eingegraben hatten.

Rund acht Jahre Bauzeit dauert es also nur, bis Konrad III. hier seine Burg etabliert. Bis zu 80 Personen können auf solch einer Burg leben. Konrads Sohn Friedrich wächst in Rothenburg auf – neben Verwandten begleiten ihn Lehrer, Erzieher und Fechttrainer sowie verbündete Adlige und Dienstleute. So wird Rothenburg zum Residenzort, im Umfeld wird ganz gezielt die Entwicklung der wenigen Gehöfte hin zur Stadt befördert. Sukzessive entsteht auch die erste Mauer der Stadt, diese besteht zunächst nicht aus Stein sondern aus Holzpalisaden. Nahe der heutigen Burggasse wurde von Archäologen ein solcher Holzstumpf gefunden, er datiert aus dem Jahr 1280. Rothenburg gehört in jener Zeit direkt der Familie der Staufer, nicht dem Königreich. Und der Rothenburger Friedrich wird beinahe zum König, nur das Alter – er ist erst acht Jahre alt als Konrad III. stirbt – verhindert, dass er auf den Thron des Heiligen Römischen Reiches steigt. An seiner Statt erhält der Cousin Friedrich Barbarossa 1152 die Krone des römisch-deutschen Königs, Friedrich I. heißt er nun. Ab 1155 darf er sich Kaiser nennen. Und der Rothenburger Friedrich? Erhält als Kompensation für die entgangenen Königswürden den einflussreichen Titel als „Herzog von Schwaben“. Er reist in seinem Teilreich, das neben Rothenburg auch Stuttgart, Württemberg und große Teiles des Elsass sowie des heutigen Bayerischen Schwabens bei Augsburg umfasst.

Der ganz große Wurf bleibt Rothenburg machtpolitisch damit verwehrt, aber eine Aufwertung ist erkennbar. So prosperiert die Stadt in den Folgejahrzehnten auch dank des offenen Umgangs mit der jüdischen Bevölkerung in der Stadt. Wahrscheinlich zehn Prozent der Rothenburger – also bis zu 500 Menschen – gehören der Gemeinde um Rabbi Meir Ben Baruch später zu deren Hochzeiten Mitte des 13. Jahrhunderts an. Plausibel erscheint die Theorie, dass die Gemeinde gar gezielt angesiedelt wurde. In vielen rheinischen Gebieten wurden die Juden damals von den Machthabern vertrieben und suchten als Flüchtlinge eine neue Heimat.
Da hat Rothenburg bereits die zweite Chance verpasst, im Machtgefüge der Staufer nach oben zu rutschen. Barbarossa hatte die Stadt nach Friedrichs Tod an einen seiner nachgeborenen Söhne – Konrad – gegeben, den Titel Herzog von Schwaben beanspruchte er neben seiner Königswürde zunächst lieber wieder selbst. Da Konrad aber verheiratet werden sollte, bekam er als kosmetischen Eingriff einen neu erdachten Adelstitel: „von Rothenburg“ durfte er sich zukünftig nennen und war unter diesem Label der kastilischen Königstochter Berenguela versprochen: 1188 heiratete er die Ibererin tatsächlich und so stand Konrad von Rothenburg kurz vor dem iberischen Thron. Doch just zu jener Zeit erwies sich Barbarossas Niederlage gegen den Papst als wenig förderlich für die Attraktivität des Bundes, drei Jahre später schied der Erzbischof von Toledo die Ehe zwischen Konrad und Berenguela schon wieder – und damit schied auch die zweite Möglichkeit dahin, dass Rothenburg mehr in den machtpolitischen Fokus der Staufer geriet.

So blieb Rothenburg bis 1274 im Reich der Staufer als Residenzort und ging vom direkten Familienbesitz immer mehr in den Besitz des Königreichs über. Der Grund: ausbleibender Nachwuchs in den Reihen der Staufer. Wo keine Kinder, da bleiben Residenzen auch mal unbesetzt. Über die Jahrhunderte hinweg lassen sich dreißig Besuche von deutschen Königen belegen. Was Barbarossa nie schaffte, leisteten also seine Nachfahren und Nachfolger. Und eigentlich hätten die Habsburger eine Statue auf der Brücke verdient: denn 1274 verleiht er König Rudolf von Habsburg Rothenburg die Reichsfreiheit, das heißt: Rothenburg ist als Reichsstadt nur ihm unterstellt und kann von den Bürgern selbst verwaltet werden. Die lokalen Adelsgeschlechter der von Nordenbergs und der von Hohenlohe blicken betrübt auf diese Entscheidung, hatten sie nach dem Ende der Stauferherrschaft doch ihren Einfluss immer weiter ausgebaut. Die von Nordenbergs etwa hatten mit der Verlagerung des von ihnen gestifteten Dominikanerinnenkonvents (das heutige RothenburgMuseum) in das Herz der Stadt ihren Führungsanspruch klar dokumentiert – nur ein kleiner Baustein in einem vielgestaltigen Machtspiel um Rothenburg. So erweist sich die Entscheidung des Habsburgers als geschickter Schachzug, um sich ambitioniert Lokalfürsten vom Leibe zu halten. Und die Staufer? Die finden sich ganz zurückhaltend auch am Turm des Rathauses. Eine der Figuren stellt nämlich den verhinderten deutschen König Friedrich dar, im Zentrum der Stadt wird also ein echter Rothenburger Staufer gewürdigt.

Altstadt Rothenburgs

Der Text basiert wie immer aus zwei Interviews mit Dr. Florian Huggenberger (Stadtarchiv) und Dr. Helmuth Möhring (Verein Alt-Rothenburg). Wir bedanken uns recht herzlich.
Zudem bedanken wir uns bei James Derheim, von ihm stammen viele der exklusiven Fotografien, die unsere Beiträge bereichern.

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